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Meine Tätigkeit in Lilli, der Wohngruppe für jugendliche Mütter und ihr Kind; auch  in Zeiten von Corona:

Ich bin ein Ausspeieimer.

Ich bin verabredet mit einer erst vor kurzem 16 Jahre alt gewordene Mutter eines Sohnes, der im Januar geboren wurde. Sie macht das sehr gut mit ihrem Sohn. Sie hat sich gefreut, dass wir heute spazieren gehen.

Es ist in der momentanen Situation klar, dass wir uns an die frische Luft begeben. Der Kleine schläft süß und selig in seinem Kinderwagen und ich sage, dass wir nun auf den Schlossberg gehen und ich einen schönen Weg dorthin weiß. Wir ziehen los. Es ist sonnig, windig, in Böen kalt. Auf dem Weg, dann durch den Wald, ein schöner Weg von Bäumen links und rechts umsäumt, frage ich sie, ob sie wisse, was eine Allee sei? Nö. Doch, sie kenne die Schlossallee von Monopoly. Also zeige ich ihr, dass hier der Weg nach oben links und rechts von Bäumen gesäumt wird. Sie sieht es. Ich schiebe den Kinderwagen den holprigen Weg nach oben, denn sie hat sich gestern mit der Brotschneidemaschine in den Finger geschnitten. Sie ist aufgeregt, spricht laut und ich bin fit und schiebe gerne den Kinderwagen.

Dabei, auf dem Weg nach oben, berichtet sie mir von ihren Erlebnissen die letzte Woche: „Drecks Corona! Ich wollte einfach meinen 16. Geburtstag mit meiner Familie am letzten Wochenende feiern. Aber das ging nicht mehr. Das ist doch zum Kotzen!“ Ich zeige Verständnis und weise darauf hin, dass das Leben weitergeht. Berichte, dass die Erzieherinnen heute Vormittag ihre Entwicklung als sehr erfreulich beschrieben haben und ich auch im Video, das vor kurzem von ihr und ihrem Sohn aufgenommen wurde, sehen konnte, dass sie im guten Kontakt, in inniger Verbindung mit ihrem Baby steht. Sie spricht weiter sehr erregt, wie schwierig alles für sie sei. Welche Zukunftspläne sie habe.

Ich schiebe den Kinderwagen, frage immer wieder, welchen Weg sie gehen möchte. Wir schaffen es ganz oben anzukommen. Gehen dann wieder nach unten. Sie entscheidet sich für den schönen Allee Weg wieder zurück. Da sehen wir einen, schon vor längerer Zeit abgesägten Kastanienstumpf, der viele an der Rinde ausgewachsene Zweige hat, die munter Knospen austreiben, welche jetzt Blätter werden. Wir halten inne und sind fasziniert. Ich sage, dass wir uns das demnächst anschauen, wenn es Blätter an diesen Zweigen gibt. Hat doch Ähnlichkeit mit einer Palme? Sie stimmt mir zu.

Sie legt weiter laut dar, wie sie die Situation aufregt und wie froh sie sei, mir das, was sie so aufregt, erzählen zu können. Ich sei ein „Ausspeieimer“ und das es tut gut täte, das alles los zu werden. Ich erwähne hierzu, dass ich es gut fände, wie laut sie das tue, denn so wisse ihr kleines Söhnchen im Kinderwagen, dass die Mama da sei. Auf dem Weg weiter Richtung Ortschaft beruhigt sie sich. Sie berichtet, dass sie von sich selber überrascht sei.

Sie habe in ihrer Jugendzeit nicht gedacht, dass sie jetzt so sich entwickeln könne. Ich lache wirklich herzlich und meine, von ihrer Jugendzeit berichten Menschen ab dreißig. Sie hat sich wirklich selber überrascht und uns (Mutter-Kind Gruppe für minderjährige Mütter) auch. Aus einer bockigen Teenagerin ist mit der Geburt ihres Sohnes eine verantwortungsbereite Mutter geworden.

 

Margit Lindner, Dipl. Psychologin

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